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Hans Fallada: Der junge Goedeschal

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Innentitel der Erstausgabe von "Der junge Goedeschal" (Berlin, 1920)

Rezension eines sogenannten Pubertätsromanes

“Wozu ärgern?”, fragt sich der 16-jährige Kai am Anfang von Hans Falladas (1893–1947) Debüt-Roman “Der junge Goedeschal”, der zwischen 1917 und 1919 abgefasst wurde und dann im Jahr 1920 bei Rowohlt Berlin erschien. Dieser Kai mit dem Nachnamen Goedeschal ist die Hauptfigur des Werkes, dessem Untertitel zu entnehmen ist, dass es sich dabei um einen “Pubertätsroman” handelt. Um das reale Ende vorwegzunehmen: Hans Fallada ließ den Roman nebst seines sehr ähnlich gestrickten Nachfolgers “Anton und Gerda” (1923) in den 1930er Jahren aufkaufen und einstampfen – sodass man sich als potentieller Leser heute natürlich fragen darf: “Wozu sich mit diesem Debüt befassen?”, wenn sich der Autor doch selbst davon einmal distanziert hat? (In späteren Jahren soll er milder geurteilt haben)
Die allereinfachste Antwort darauf ist natürlich: Weil man es kann; ob es sich auch lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden, eventuell gelingt es dieser Rezension jedoch, vorweg ein paar Anhaltspunkte dazu zu geben.

Gewidmet ist “Der junge Goedeschal” Falladas Geliebter Anne Marie Seyerlen, die auch die Anregung zu dem Roman gab: Rudolf Ditzen, so Falladas bürgerlicher Name, solle doch seine Jugend zu einem Stück Literatur verarbeiten. Das tat er dann wohl auch.

Ganz grob umrissen geht es in “Der junge Goedeschal” um das Erwachsenwerden, zu dem selbstverständlich die Entdeckung der Sexualität gehört; aber auch Themen wie Einsamkeit, Gewalt und schließlich sogar Selbstmord werden in Falladas Werk berührt. Kai ist nämlich ein feinfühliger Sonderling, der irgendwie abseits von seinen Mitschülern steht, obwohl er in seinem Freund Arne Schütt auch eine feste Bezugsperson unter den Gleichaltrigen hat – aber kann er sich wirklich auf sie verlassen, wird sie in Krisen zu ihm halten?

Schon zu Beginn erfährt der Leser, dass Kai das Verfassen von Aufsätzen liegt, allerdings soll ihm diese Schreibanlage später noch zum Verhängnis werden, weil sie ihm nicht nur Talent, sondern auch schwer kontrollierbare Manie ist.
Goedeschals Verhältnis zur Schule ist verdunkelt, er bemängelt die strikte Trennung von Lehrern und Schülern, wobei doch beide Menschen sind, und ähnlich kritisch sieht er allgemein die Absonderung der Erwachsenen von den Heranwachsenden. Hier stehen die einen, dort die anderen, und Kai wünscht sich wahrscheinlich, von ihnen als gleichwertig anerkannt zu werden, obwohl er noch einiges an Entwicklung vor sich hat; aber schwer, sehr schwer fällt es ihm, seinen Weg in der Gesellschaft, im Leben zu finden.

Wenn man die in Fraktur gesetzte Originalausgabe des Werkes durchblättert, merkt man schon am Satz der Dialogstellen, dass einige Wildheit darin ist: Es hagelt Auslassungspunkte, Frage- und Ausrufezeichen, kurze Sätze stehen in schneller Abfolge gegeneinander. Die Reden in diesen Dialogen sind häufig nicht markiert, so dass man nach ein paar Wechseln vielleicht gar nicht mehr sicher weiß, wer da gerade spricht, es mischt sich auch gern Ungesagtes, nur Gedachtes mit hinein. Natürlich sind Markierungen wie “er sagt”, “sie antwortet” und ihre Variationen ermüdend zu schreiben, dennoch helfen sie dem Leser, nicht den Überblick zu verlieren, aber vielleicht ging es Fallada gar nicht so sehr um ihn. Der Roman stiftet Verwirrung, wirft mit Nebeln, hat etwas durchaus Rauschhaftes, was sicherlich seinen Reiz beim Lesen wieder entfaltet, aber auf die Strecke auch ermüdend ist, sodass ich mich mehr als einmal fragte, ob ich ihn tatsächlich zu Ende lesen möchte. Der Mittelteil, in dem es vordergründig um Kais innere Zustände und kaum noch um Handlungen geht, hätte nach meinem Empfinden gern um einiges kürzer ausfallen dürfen.

Die Probleme des Kai Goedeschal wirken aus heutiger Sicht zu einem lächerlich gering, zum anderen sind sie aber von nachhaltiger Aktualität. Die Sexualaufklärung von vor hundert Jahren ist freilich schwer mit der heutigen zu vergleichen: Damals war die Sexualität noch ein heißes und gern beschwiegenes Thema, dem sich der Protagonist nur mit großen Aufwänden nähern kann, die Eltern helfen ihm nicht dabei; so geht es in dem Roman beispielsweise um ein Buch, in das er sich unerlaubterweise Einblick verschafft; heute schauen sich schon Grundschüler pornografische Videos auf dem Pausenhof an. Messergewalt hingegen ist in der Gegenwart ein leider sehr alltägliches Thema, in dem Roman wird Goedeschal ein wenig überraschend selbst der Täter. Unter seinen Mitschülern hat er es nicht einfach, und das Messer wird für ihn zum Mittel, seinen Willen zu bekräftigen. Tatsächlich eskaliert einiges, und der junge Goedeschal entwickelt sogar sehr explizite, gegen seine Klassenkameraden gerichtete Amokphantasien:

Zitat:

»Eines Tages werden sie tot sein. Ich werde keinen auslassen, sie sollen alle sterben.« Trunken machend bezwang ihn diese Vision. Er sah ihre zerstückten Leiber. Ihre nun ganz entleerten Hände flehten in mannigfachen Gebärden. Über das Gesicht von Ilse, nun bleicher und zerfallener als der Himmel, würde ein blutroter Schnitt laufen. »Muß ich allein leiden? Für all das muß einmal Vergeltung da sein.«


Vielleicht hat sich das Lesen des Buches allein wegen dieses Details bereits gelohnt: Derartige Phantasien von Schülern sind also kein exklusiv neuzeitliches Phänomen, von dem wir erst seit 1999 durch den Amoklauf an der “Columbine High School” wissen. Diese Erkenntnis ist freilich auch billiger zu haben und bei manchen sicherlich ohnehin bereits vorhanden.

Kai Goedeschal ist ein gequälter Jugendlicher. Das Erwachen der Sexualität in ihm führt ihn auf seltsame Pfade, zu überwältigenden Vorstellungen, die sich nicht nur auf Mädchen, sondern an einer Stelle auch auf einen Jungen beziehen:

Zitat:

Bilder waren plötzlich da und schon wieder ins Dunkel gerissen von dem Wind, der um die Ecken jagte: die anspringenden Brüste; ein geschlossener, roter, schmiegsamer Mundwinkel Ilses, den mit dem Finger zu durchdringen und auseinanderzutun Versuchung war; das Gesäß eines Jungen, an dem eine Sekunde lang seine Hand geruht – unter dem glatten Wollstoff schlug ein sich strammender Muskel wie der Schwanzschlag eines Fisches –, die rasende Lust überfiel ihn, sich hineinzukrallen in dieses Gesäß und es aufzubrechen wie einen mürben Apfel. Und wieder ergriff Kai jenes Unwohlsein, dieser Schwindel, der ihn ohne Zugriff die Treppe hinabgedreht hätte, dieses atemraubende Herzklopfen, das die Brust zerbrechen zu wollen schien


Der Freund Arne Schütt erscheint in seiner Kommunikation und in seinem Handeln wie der robuste und gesunde Gegenentwurf zum Protagonisten. In dieser Textstelle werden beide zum klaren Nachteil von Kai miteinander verglichen:

Zitat:

Wie unfertig ist er mit seinen sechzehn Jahren! Wenn ich mich auch nicht mehr genau zu erinnern vermag, wie ich in dem Alter war, so vergleiche ich ihn doch mit seinen Freunden. Nimm zum Beispiel Arne, der schon etwas ausgesprochen Männliches hat. Und Kai – noch vor beinahe einem halben Jahr diese Puppengeschichte!


Das Schreiben wird für Kai eine Flucht in eine andere Welt, in der er ganz sein kann, in der ihm alles erlaubt, alles möglich ist. Wo der dichterisch veranlagte Einzelgänger in der Wirklichkeit auf Mauern trifft, reißt er sie in seinem Schreiben alle nieder, und hier erinnert Falladas Roman an Thomas Manns “Tonio Kröger”, der sich auch mit der Frage konfrontiert sieht, wie dieses Schreiben eigentlich zum wahren, echten Leben steht, und die Antwort ist, dass sich beides nicht vollkommen trennen lässt. Das eine findet selbstverständlich im anderen statt und wirkt, wenn es publiziert wird, natürlich auch auf dieses zurück. Schreiben ist Kommunizieren, und so muss auch Kai erkennen, dass sein zwanghaftes nächtliches Tun, weil es in Briefen mündet, die er tatsächlich versendet und die somit andere Leute erreichen, Konsequenzen hat.

Zitat:

Und nun zieht er das Nachthemd über den Kopf und nackt sitzt er am Schreibtisch, Briefpapier liegt vor ihm, ohne Zögern und Hast geht der Federhalter zum Tintenfaß und von da zum Briefbogen, er schreibt: »Liebe kleine Margot.« Da ist er frei, es wird so warm, er lächelt hell, seine Glieder werden nun ganz voll und scheinen irgendetwas zu betreiben wie Gesang. Und er lächelt und schreibt.


Am Ende wird alles sehr düster, aber die Katastrophe – ohne zu viel zu verraten – bleibt aus, obwohl sie in verschiedenen Variationen als Möglichkeit erscheint. Kai spielt mit Selbstmordgedanken, der Tod als Befreiung aus seiner Situation lockt ihn, aber das Leben, sein Umfeld hält ihn fest.
Drei kurze Zitate sollen die Kai beherrschende Stimmung belegen:

Zitat:

Alles war Lüge gewesen. Dieser Leib war kein Freund, kein Ich, er war der Feind.


Zitat:

»Wer gibt mir die Hand? Hält den Strauchelnden? Wirklich so ganz allein? Kein Genosse?«


Zitat:

Doch habe ich keinen Revolver … Wie tue ich es? – Nur zwei Radelstunden bis dort … ein Stück Wäscheleine werde ich mitnehmen im Rucksack … dann, Ruhe …


Literaturgeschichtlich wird Falladas Roman dem ausgehenden Expressionismus zugeordnet, was vielleicht einer der Gründe ist, warum das Werk kein Erfolg wurde, denn obwohl es wohlmeinende Besprechungen durch angesehene Autoren gab, fand er nur wenige Leser. Offenbar bediente er sowohl stilistisch als auch inhaltlich die Mode von gestern. Von der dargestellten Problematik vergleichbare Werke wie der bereits erwähnte “Tonio Kröger” (1903) oder auch Robert Musils “Die Verwirrungen des Zöglings Törleß” (1906) sind handwerklich einfach besser gemacht, kompakter, griffiger und deutlich früher erschienen, allerdings privilegiert sie ihr höheres Alter nicht.

“Der junge Goedeschal” ist durch seine ungewöhnliche, eigenwillige Sprache, die – wie bei manch einem Expressionisten üblich – Freude daran hat, Hand an die herkömmliche Grammatik zu legen, ein Werk, das einem nicht nur Aufwand beim Lesen abfordert, sondern einen auch dafür belohnt. Einiges in Falladas Roman-Debüt erinnert mich gar an die überschäumende Sprache des jungen Johannes R. Becher: Zum einen mag das an der Mode der damaligen Zeit liegen, zum anderen vielleicht gar an dem gleichen Gift, das beide Autoren genommen haben.

Da es in dem Werk vor allem um die innere Unordnung Kais und vom Anfang abgesehen weniger um klare Handlungsstränge geht, ist es nicht übermäßig spannend geraten, dennoch ist das Talent des Autors in ihm bereits klar erkennbar. Immer wieder sind Hans Fallada in diesem Text wie auch danach in “Anton und Gerda” schöne Sätze, kräftige, lebendige lyrische Beschreibungen gelungen, die einen staunen machen und in einer Parallelwelt vielleicht Gedichte hätte werden können, zudem hat Fallada hier und dort zweckdienliche erzählerische Effekte eingesetzt, die ihr Ziel beim Leser zu erreichen nicht verfehlen. Unterm Strich aber ist der Roman dann doch ein wenig zu unausgereift, und es ist in Anbetracht der Konkurrenz verständlich, dass er es nicht nur damals, sondern auch heute schwer hatte bzw. hat, Leser zu finden. Bertolt Brecht hat mit “Baal” und Stefan George mit “Algabal” auch ein interessantes Frühwerk in der Vita stehen; wären die Autoren darüber nicht hinausgekommen, würden wir ihre Namen heute sehr wahrscheinlich nicht mehr kennen, so aber stehen diese Schriften am Anfang von großen Karrieren, und jene Literaturliebhaber, welche den Werdegang eines Dichters einer Pflanze vergleichbar, wie sie sich aus dem Samenkorn ausbildet, emporwächst, Blüten und daraus vielleicht sogar Früchte entwickelt, studieren wollen, werden schwerlich umhinkommen, sie zu lesen.

Veröffentlicht am 08.12.2024

© 2024 by Arne-Wigand Baganz

Note: 1 · Aufrufe: 419

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