Als Stefan George den 13-jährigen Maximilian Kronberger auf der
Leopoldstraße in München Anfang 1902 ansprach, weil er ihn zeichnen wollte1, war er selbst schon über 30 Jahre alt. Der Junge, den George zuvor
bereits einige Male interessiert beobachtet hatte, willigte tatsächlich ein
und die beiden suchten gemeinsam ein Fotoatelier auf. Erst im Januar 1903
kam es dann zu einer weiteren Begegnung, die Kronberger für nicht zufällig
hielt. Schon beim Kennenlernen hatte er den Namen des Mannes, der an seinem
jugendlichen Wesen großen Gefallen fand, erfahren. Wenig später sah er
diesen Namen auf dem Titel eines Buches wieder und wurde so der Tatsache
gewiss, dass er Bekanntschaft mit einem berühmten Mann gemacht hatte, was
ihn nicht wenig erfreute.
George erinnert sich im Gedenkbuch, das er 1907 ungefähr drei Jahre nach
Maximilians Tod herausgab, an die erste Begegnung mit einem peinlich
überspannten Pathos:
Zitat: Als wir Maximin zum erstenmal in unsrer Stadt begegneten stand er noch in den knabenjahren. Er kam uns aus dem siegesbogen geschritten mit der unbeirrbaren festigkeit des jungen fechters und den mienen feldherrlicher obergewalt jedoch gemildert durch jene regbarkeit und schwermut die erst durch jahrhunderte christlicher bildung in die angesichter des volkes gekommen war. Wir erkannten in ihm den darsteller einer allmächtigen jugend wie wir sie erträumt hatten · mit ihrer ungebrochenen fülle und lauterkeit die auch heut noch hügel versezt und trocknen fusses über die wasser schreitet – einer jugend die unser erbe nehmen und neue reiche erobern könnte. Wir hatten allzuviel gehört von der weisheit die das lezte rätsel zu lösen wähnte · allzuviel gekostet von der buntheit der sich überstürzenden erscheinungen .. die unermessliche fracht äusserer möglichkeiten hatte dem gehalt nichts zugefügt · das zu schillernde spiel aber die sinne abgestumpft und die spannungen gelähmt: was uns not tat war Einer der von den einfachen geschehnissen ergriffen wurde und uns die dinge zeigte wie die augen der götter sie sehen.
Über die asymmetrische Beziehung von Kronberger und George ist nicht allzu
viel bekannt, auch in der Biographie von Thomas Karlauf erfährt man nur
Rudimentäres, so bleibt einiger Raum für Spekulationen, die sich auf die
erhalten gebliebenen Artefakte stützen können. Bekannt ist, dass sich
Maximilian Kronberger selbst dichterisch betätigte und mit den gerade
einmal 16 Jahren, die er lebte, der Nachwelt etwa 400 Gedichte hinterließ,
von denen 33 Eingang in Georges Gedenkbuch fanden. In diesem Buch sehen wir
gleich zu Beginn ein Seitenportrait von Kronberger, wie er einen
Lorbeerkranz auf seinem dunklen Schopf trägt, der Oberkörper ist unbedeckt,
das Portrait auf Schulterhöhe abgeschnitten. Auffällig ist die Ähnlichkeit
mit einem Bildnis Georges: Die Gesichtskonturen der beiden scheinen
verwandt zu sein, und vielleicht erkannte der große Dichter in dem kleinen
Dichter sein früheres Selbst wieder, in das er sich verliebte. Während also
auf Georges Seite Eros als treibende Kraft wirkte, schien Kronberger
praktischer orientiert: Er nahm an, dass ihm die Bekanntschaft bei seinen
eigenen literarischen Bemühungen behilflich sein könnte, und so war es ja
auch letztlich, denn George machte Maximilian Kronberger als “Maximin”
berühmt, nur dass er es selbst nicht genießen konnte, da er bereits an
Meningitis verstorben war. Am Ende ist die Beziehung der beiden grob
betrachtet ein ganz typisches Tauschgeschäft, wie es unter bestimmten
Menschen ständig, wenn glücklicherweise auch nicht immer unter Beteiligung
Minderjähriger, stattfindet. Über diesem Gewöhnlichen liegt der häufig
recht stumpfe Lack der Poesie, liegen die hübschen Ornamente von Melchior
Lechter, die das Gedenkbuch durchgehend schmücken.
Götter leben ewig
Barbara Josephine Gremm beschäftigt sich in ihrem 2023 erschienenen Buch
“Maximilian Kronberger. Ein ›Gott‹ und doch vergessen?: Leben – Werk –
Wirkung”, das lässt zumindest die Beschreibung vermuten2, wohl auch mit der Differenz aus wirklicher Person und dem “Gott”, den
George nach ihrem Ableben in seinem Werk erschaffen hat. Der Griff eines
Überlebenden eines als besonders empfundenen Menschen nach dem Göttlichen
ist kein Einzelfall: Wir sehen ihn sowohl bei den Jüngern Jesu als auch in
den Memoiren von Nadeschda Krupskaja, der Frau von Lenin, um nur zwei
Beispiele zu nennen. Indem die Übermenschlichkeit des Verstorbenen in allen
möglichen Einzelheiten exemplifiziert wird, versucht man, ihn über den Tod
hinauszuheben: Da ist jemand von einem gegangen, der so gewaltig war, dass
er fort- und fortwirkt bis an das Ende aller Zeiten, denn er ist nicht
wirklich gestorben, und vielleicht kommt er eines Tages sogar zurück! So
beraubt man den Tod seines Triumphes – auch wenn es immer nur ein
wortreicher Selbstbetrug, das Stricken güldener Legenden ist: Bei nicht
wenigen verfängt das.
Das Gedenkbuch
Das Maximin-Gedenkbuch erschien ursprünglich und in seiner
Originalausstattung in einer Auflage von nur 200 Exemplaren. Es ist ein
seltener und offenbar noch immer gefragter Artikel. Einige Exemplare davon
sind direkt erwerbbar, ich habe Angebote dazu über 5000 EUR gesehen; im
Herbst 2022 wurde auch ein Exemplar versteigert. Der Ausrufpreis lag bei
1200 EUR, der Schätzpreis bei 1800 EUR, der Zuschlag erfolgte bei 2200 EUR.
Für deutlich weniger Geld kann man auch einen Nachdruck erwerben, kostenlos
gibt es das Ganze sowieso im Internet, aber dann ist es vollkommen frei von
jeglichem stofflichen Zauber.
Drei aus den 33 Maximin-Gedichten des Gedenkbuches stechen wegen ihres
Inhalts heraus, und ich möchte sie hier kurz besprechen. Freilich sind sie
keine literarischen Meisterwerke, aber unzählige Menschen, die älter als 16
Jahre alt waren, haben in der noch fortlaufenden Geschichte des Kosmos
schlechtere Gedichte geschrieben:
Zitat: Es hat die welt …
Es hat die welt mir meist nur schmerz geboten
Auf dieses lebens trauerlauf.
Doch will sie eine perle mir entbieten
So lös ich sie in meinen eignen tränen auf.
Auf nur vier Zeilen schreibt Kronberger hier vom Trauerlauf des Lebens,
dabei ist ja durchaus fraglich, ob er mit seinen wenigen Jahren überhaupt
schon genug davon hat sehen können, aber er spricht doch seinen Schmerz
klar aus, und in diesem Schmerz steckt auch ein gewisser Hochmut, denn
selbst wenn es im Leben einmal für ihn besser kommen sollte, so kann das
seine Traurigkeit nicht besiegen, die “Perle” würde er nämlich mit seinen
eigenen Tränen wieder auflösen. Die Bedrücktheit setzt sich also durch,
weil der Autor nicht anders kann oder es vielleicht sogar so will!
Zitat: DEN EINLASS BEGEHRENDEN
Was pocht ihr an der trüben pforte?
Es wird euch doch nicht aufgetan.
Hier drinnen gibts kein wahres leben —
Hier ist das leben nur ein schöner wahn.
Der Kerker ist ein dumpfes grab
Von welchem man des lebens frühling sieht
In welchem aber von dem lenze
Nicht eine kleine gabe blüht.
Was pocht ihr an der stillen pforte?
Was sucht ihr hier nach einer lust?
Ich kenne alle eure freuden –
Mein unglück aber ist euch unbewusst.
Wenn ich diese Zeilen gegen das Wenige halte, was mir über Kronberger
bekannt ist und sie autobiographisch deute, dann dürfte es nicht vollends
abwegig sein, sie auf sein Verhältnis zu George und dessen Kreis zu
beziehen: Redet da nicht der Junge von denen, die an seiner trüben Pforte um Einlass bitten, was man ja durchaus als ein sexuelles Bild auffassen
kann, und enttarnt er nicht den ganzen betörenden aber billigen weil
natürlichen Zauber seiner Jugend, dem die Älteren verfallen: Statt des
Frühlings ist da aber nur ein Kerker wie ein dumpfes Grab. Die anderen sind von ihrer Lust geleitet, lassen sich von Äußerlichkeiten
blenden, und wollen über den jungen, noch im Werden begriffenen Dichter wie
ein Objekt verfügen: Für sein Unglück jedoch, und dieses ist real, haben
sie keine Augen; als ganzer Mensch ist Maximilian Kronberger für sie
nämlich uninteressant. Das aber ist, muss ich zugeben, alles Spekulation,
die wahrscheinlich schon in sich zusammenfallen würde, wenn man das Gedicht
vor die George-Bekanntschaft datieren könnte.
Auch das dritte von mir ausgesuchte Gedicht hat mit Gefangensein zu tun,
und selbst wenn es nicht wörtlich erwähnt wird, so deutet der Wurf in der Erde tiefsten Schoß ebenfalls wieder auf ein Grab, den Tod hin, über den sich der Dichter
selbst erheben wird, weil er einst wiederkommen werde, und zwar mit kräftig
gesteigerten Attributen: Mächtig, schön und groß. Mich würde es nicht wundern, wenn George dieses Gedicht selbst
geschrieben hätte, aber natürlich gibt es dafür keine Indizien, allerdings
hat er unter anderem durch das Gedenkbuch dafür gesorgt, dass die in ihm
ausgesprochene Prophezeiung im übertragenen Sinne wahr wurde …
Zitat: IHR BANDET MICH …
Ihr bandet mich mit starren ketten
Und nichts mehr kann mich armen retten.
Ihr warft mich in der erde tiefsten schoss:
Einst komm ich wieder mächtig schön und gross.
Hier in diesem Text soll der “Meister” selbst das letzte Wort mit einem
Gedicht haben, das dem “Stern des Bundes” (1914) entstammt und sich auf
sein “Maximin”-Erlebnis bezieht: Was wohl hätte Maximilian Kronberger davon
gehalten?
Zitat: DU STETS NOCH ANFANG UNS UND END UND MITTE
Auf deine bahn hienieden · Herr der Wende ·
Dringt unser preis hinan zu deinem sterne.
Damals lag weites dunkel überm land
Der tempel wankte und des Innern flamme
Schlug nicht mehr hoch uns noch von andrem fiebern
Erschlafft als dem der väter: nach der Heitren
Der Starken Leichten unerreichten thronen
Wo bestes blut uns sog die sucht der ferne ...
Da kamst du spross aus unsrem eignen stamm
Schön wie kein bild und greifbar wie kein traum
Im nackten glanz des gottes uns entgegen:
Da troff erfüllung aus geweihten händen
Da ward es licht und alles sehnen schwieg.
1 Thomas Karlauf: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München 2007
2 Ich habe das Buch noch nicht lesen können.
