Wir leben in seltsamen Zeiten, die die meisten (also die ehrlichen außer
Bill Gates) so nicht vorhergesehen haben. Wir können an unserer Wahrnehmung
zweifeln: Sehen wir Dinge anders, weil sich die Umstände geändert haben,
oder sind die Dinge wirklich anders? Aus der menschlichen Perspektive ist
es eigentlich egal, aber wir sind ja zu wissenschaftlich denkenden Bürgern
erzogen worden. Wir dürfen und müssen an unserer Wahrnehmung zweifeln und
suchen deswegen nach der objektiven Wahrheit, die es natürlich gar nicht
gibt. Ich frage mich zum Beispiel, warum in Berlin jetzt plötzlich so
riesige Disteln wachsen. Wirklich enorme Disteln, ungeheuer hohe Disteln,
nahezu Monster pflanzlicher Art, die mit ihren waffenartigen
Stachelblättern feist herumstehen, um Dich oder Dich oder Dich zu töten,
zum Beispiel an gerölligen S-Bahn-Dämmen. Mag sein, dass sie in den letzten
Jahren auch schon alle da waren; für mich sind sie vollkommen neu. Die
Disteln in meiner Kindheit waren viel kleiner, zwar auch stachelig, aber
ich lebte ja damals gar nicht in der Hauptstadt. Also, Ihr fiesen Berliner
Hauptstadt-Disteln: Seid Ihr jetzt neu oder ist es nur neu, dass ich Euch
bemerke, weil ich früher mit anderen Dingen beschäftigt war? Eine Antwort
wird von ihnen nicht kommen, und so obsiegt meine Einbildung: Ja, diese
Monster-Disteln sind eine Nebenerscheinung der Corona-Krise. Sie werden
irgendwie von der saubereren Luft und der Stille am Himmel profitiert haben
und davon, dass die Menschen andere Angelegenheiten in den letzten Wochen
für wichtiger erachtet haben, zum Beispiel das Horten von Mehl- und
Nudelpackungen und das Verbleiben in den eigenen vier Wänden.
Ist das jetzt bereits eine Verschwörungstheorie oder noch meine persönliche
Dummheit? Da ich sehr wenig weiss, weiss ich auch das nicht. Kein Grund zum
Traurigsein. Ich bin ja ein fröhlicher Mensch.