Zum 17. Jahrestag der Polnischen Revolution im November des Jahres 1847
hatte der russische Anarchist Michail Bakunin, damals als Flüchtling
unterwegs, eine Rede in Paris gehalten, die schriftlich überliefert ist und
welche den Titel “Russland wie es wirklich ist!” trägt. Erinnern wir uns
kurz, worum es im Novemberaufstand 1830 ging: Polen war im späten 18.
Jahrhundert dreimal aufgeteilt worden, die östlichen Gebiete verleibte sich
Russland ein. Nun erhob es sich das erste Mal mit größerer Gewalt, um seine
Unabhängigkeit vom Russischen Kaiserreich zu erlangen, unterlag aber
schließlich der russischen Armee und musste weiter unter der Knute des
Zaren und seiner Helfer leben.
Russen als Werkzeuge der Eroberung
Gleich zum Anfang seiner Rede rechtfertigt sich Bakunin, dass er als Russe
in Europa öffentlich spricht, da er sich absolut im Klaren ist, welche
Meinung man von Russen dort üblicherweise und nicht ganz grundlos hat:
Zitat: Ich weiß es wohl, wie unbeliebt Rußland bei den Völkern Europas ist. Die Polen halten es, und vielleicht nicht ohne Grund, für eine der Hauptursachen all ihres Unglücks. Die unabhängigen Männer der anderen Nationen sehen in der reißend schnellen Entwicklung seiner Macht eine von Tage zu Tage wachsende Gefahr für die Freiheit der Völker. Überall erscheint der Name Russe gleichbedeutend mit brutaler Unterdrückung und schimpflicher Sklaverei. Ein Russe ist in der Meinung Europas nichts anderes, als ein feiles Werkzeug zur Eroberung in den Händen des verhasstesten und gefährlichsten Despotismus.
Diese Worte sind von niederschmetternder Tragik, wenn man bedenkt, dass sie
bereits 176 Jahre alt sind und sich Russland in seinem Wesen inzwischen
kaum verändert hat:
Es ist eine “verhasste und gefährliche” Diktatur, deren Markenzeichen “brutale Unterdrückung und schimpfliche Sklaverei” sind – und die allermeisten Russen dienen ihr als williges Werkzeug,
aktuell oft sogar als mordende Soldaten in der Ukraine oder Syrien; andere
sind aus Russland längst ausgewandert, alimentieren aber vielleicht
Zurückgebliebene und stützen damit zumindest indirekt die russische
Kriegsmaschine.
In jedem schlimmen Ding hat Russland seine Finger drin?
Bakunin zeichnet im weiteren Verlauf seiner Pariser Rede ein sehr
deutliches Bild von Russland – und wieder werden die Parallelen zur
Gegenwart sichtbar: Auch heute noch sät Russland zu gern Zwietracht, indem
es selbst Propaganda betreibt und die rechten und linken politischen Ränder
im demokratischen Europa unterstützt und stärkt, damit dieses selbst
geschwächt wird:
Zitat: Gibt es wohl seit 1815 eine einzige edle Sache, die wir nicht bekämpft, eine einzige schlechte, die wir nicht unterstützt, eine einzige große politische Missetat, die wir nicht entweder angestiftet, oder an der wir uns nicht beteiligt hätten? Russland ist, seit es zu einer Macht ersten Ranges sich emporgeschwungen, durch ein wahrhaft beklagenswertes Geschick, dem es selbst zuerst als Opfer gefallen, eine Ermutigung für das Verbrechen und eine [Be]Drohung für alle heiligen Interessen der Menschheit geworden!
Ein scheußliches Attentat auf die Freiheit
Was Bakunin anschließend über die russische Schande sagt, könnte ein
aufgeweckter Russe dieser Tage genauso im Hinblick auf die Ukraine
aussprechen: Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ab 2014 ist seitens der
Russen “ein unvernünftiger, ein verbrecherischer, ein brudermörderischer Krieg” – wobei das Märchen von der Bruderschaft mit Russland schon lange niemand
mehr hören mag. Russland als brutal-barbarischer Serientäter hat keine
Brüder, außer vielleicht die Serben … Mit Georg Trakl könnte man von ihm
sagen: ”Niemand liebte es” – und wieder: außer vielleicht die Serben.
Zitat: Für mich als Russe ist er der Jahrestag eines Schandflecks. Ja, eines großen nationalen Schandflecks! Ich sage es laut: der Krieg von 1831 war unsererseits ein unvernünftiger, ein verbrecherischer, ein brudermörderischer Krieg. Es war nicht bloß ein ungerechter Angriff gegen ein Nachbarvolk, es war ein scheußliches Attentat auf die Freiheit eines Bruders. Es war noch mehr, meine Herren: es war ein politischer Selbstmord von Seiten meines Landes.
Panslawistische Träumereien
Bakunin wäre nun aber nicht Bakunin, wenn er seinen panslawistischen
Träumereien nicht doch noch Raum geben würde, er sehnt sich nach einer
“Wiedervereinigung” Russlands und Polens, für die er damals sogar Beifall
erhält. Der Hass aufeinander würde beide Länder trennen, und er solle sich
in Liebe verwandeln. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Liebe ist
selbstverständlich eine der feinsten Beziehungen, die es zwischen Lebewesen
geben kann, aber ich bin kein grüner Junge, der noch Bilder in Wolken malt:
Zitat: Die Wiedervereinigung Russlands und Polens ist ein unermeßliches Werk und wert, dass man sich ihm ganz weihe. Es ist die Befreiung von sechzig Millionen Menschen, es ist die Befreiung aller slawischen Völker, welche unter einem fremden Joch seufzen; es ist endlich der Sturz, der unwiderrufliche Sturz des Despotismus in Europa.
Äußerlich ein Biest, tief innen eine Schöne?
Und weil Bakunin eben ein Träumer war, hat er seinen Hörern viele
hoffnungsvolle Worte über sein Heimatland mitzuteilen; er unterscheidet
zwischen dem wirklichen, d.h. echten, wahren und dem offiziellen,
politischen Russland:
Zitat: Eine schwache, entkräftete Nation bedarf vielleicht des Lugs und Trugs, um die elenden Reste einer dem Untergang nahen Existenz zu stützen. Aber Gott sei Dank, Russland ist so weit nicht. Nur an der Oberfläche ist die Natur dieses Volks verdorben: kraftvoll, mächtig und jung, braucht es nur die Hindernisse wegzuräumen, die man ihm in den Weg zu stellen wagt, um sich in seiner ganzen natürlichen Schöne zu zeigen, um alle seine ungekannten Schätze zu entwickeln, um endlich der Welt zu beweisen, daß das russische Volk nicht im Namen der brutalen Gewalt, wie man gewöhnlich denkt, sondern im Namen alles dessen, was es Edles und Heiliges im Leben der Nationen gibt, im Namen der Menschheit, im Namen der Freiheit, das Recht des Daseins hat.
Über solche Phantastereien wie die eben zitierten kann man heute nur
traurig lachen, wenn man überhaupt noch lachen kann. Russland ist ein
Trauerspiel, das dringend abgesetzt gehört. Selbst Weinen fällt
mittlerweile schwer. Der Wahnsinn muss endlich ein Ende finden!
Das Land der Schreckensherrscher
Wir müssen vollständig ehrlich sein und uns in dieser Hinsicht nie mehr
etwas vormachen:
Es gibt kein wirkliches, menschliches, ehrliches und friedliches – sprich besseres – Russland, das
sich irgendwie hinter einem offiziellen Vorhang versteckt und nur darauf wartet, dass ihn jemand sanft beiseite
zieht oder er lautstark auf die Bühne stürzt, damit wir endlich die ganze natürliche Schönheit und die ungekannten Schätze des russischen Volkes zu Gesicht bekommen und nicht nur die brutale Gewalt, mit der es sich selbst und den Rest der Menschheit seit jeher quält.
Das wirkliche Russland ist das, was uns allen mit seinen endlosen
Missetaten über seine ganze Geschichte hinweg vor Augen steht. Es ist das
Russland der Schreckensherrscher von Iwan dem Schrecklichen bis Wladimir
Putin, dem “Schwanzkopf” und “Vergifter von Unterhosen”.
Es gibt kein Russland im Himmel, es gibt Russland nur auf der Erde:
Ein anderes als das tatsächliche Russland gibt es nicht.
Auf dem Rücken des Ungeheuers
Auch heute noch leben diese Bakunins unter uns, die von einem besseren
Russland träumen, das Wirklichkeit werden könnte, wenn es nur jemand mit
einem reinen Herzen anführen würde, am besten sie selbst, wobei natürlich
gesagt werden muss, dass Bakunin als absoluter Liebhaber der Freiheit kein
Herrscher über andere werden wollte, aber er wollte andere wohl zu
Anhängern seiner Ideen machen oder sie zumindest bewegen – sonst hätte er
weder Reden gehalten noch Traktate verfasst.
Sinnbildlich scheint es sich jedenfalls so zu verhalten, dass es nur
graduelle Unterschiede macht, wer sich mit einer Krone auf dem Kopf auf den
Rücken des Ungeheuers schwingt – es wird weiterhin zahllose
Ungeheuerlichkeiten verüben. Man muss es deutlich aussprechen: Es kommt
allein darauf an, dem Ungeheuer den Kopf abzuschlagen oder das Herz zu
durchbohren, aber mit so einem Programm tritt niemand an, obwohl das
endlich einmal zielführend wäre. In real-politische Sprache übersetzt heißt
das Ungeheuer zu töten, Russland – präziser wäre es, von “Moskau” zu
sprechen – zu dekolonisieren und zu entmilitarisieren und damit sein
expansives Gewaltprojekt, das seine gründende und wesentlichste Idee ist,
ein für alle Mal zu beenden. Anders kann es keinen dauerhaften Frieden und
keine Freiheit geben.
