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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Auf dem Blachfeld

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Auf dem Blachfeld liegen zerstreut
olivgrün gefleckte Metallkörper,
netzbehangen,
voll alberner erdfarbener Bärte,
wie von Würmern wimmelnd, 
gekrönt von wackeligen,
schon rostenden Schutzkäfigen:

Ihre Haut scheint verletzt,
rissig, als müsste Blut
aus ihnen tropfen,
doch es tropft nicht.

Unter dem reifen Korn,
das rings voll und schwer 
und dennoch samten 
im Wind wogt und raschelt,
lauern schweigend
die unheimlichen Minen 
des bösen Feindes.

Obacht!
Fuß folgt Fuß.

Ein an der Mündung 
ausgefranstes Kanonenrohr
sticht hinten am Horizont
lächerlich, unbewegt und stumpf
immerfort in den hellblauen Himmel:

Niemanden mehr
wird es verletzen.

Keinen Menschen,
kein Tier,
keine Pflanze,
nicht einmal
ein lebloses Ding:

Kein Haus,
keinen Stein,
kein Sandkorn.

Dort! Aber dort!

Ein dunkler Fleck zieht 
das schweifende Auge jetzt
zauberhaft an,
es stellt sich mühsam 
scharf und erkennt
längs ausgestreckte 
oder auch gekrümmte,
Körper von Menschen,
verkohlt und von den Wahrern
des letzten Anstands längst 
mühsam aber doch
gründlich verpixelt.

Schrecklicher, schwer 
auszuhaltender Schauder!

Der Kopf sträubt sich,
er ist so voll von diesen 
tonnenschweren Bildern,
und nicht nur von diesen,
er will sie, will das alles
in einem einzigen
gewaltigen Zug
wegwischen,
aber sie kommen,
es kommt wieder,
weil sie,
weil es wirklich,
leider wirklich ist.

Endlich gelingt es dem Kopf,
und er versteht selbst nicht, 
Warum??? –
es gelingt ihm 
wie ein Sprung von einer Klippe
nach einigem Hadern und Zaudern
(sie ist vielleicht sogar marmorn),
wie ein Sprung von einer Klippe
an einem brütenden Sommertag,
hinab in das erfrischende Gewoge der Wellen,
hinab in das kühlende, salzträchtige Meer,
in dem es selbst 
an lustigen Delphinen nicht fehlt,
die ihre perlmuttartige Haut
und ihre weißen Bäuche zeigen,
lustige Delphine,
die brummen und schnattern,
vergnügt und ausgelassen 
spielen und quietschen:

Wie schön.
Und wie herrlich.

Aber es ist Unsinn!

Nichts von all dem ist wahr.

Stattdessen:

Eine Leere breitet sich aus
vor dem Körper,
der zu dem Kopf gehört,
schwarz gähnend,
saugt sie ihn an,
ist stärker als er,
der Körper gibt nach,
widerwillig natürlich,
aber vorwärts gezogen wird er,
er kann sich nicht wehren,
doch da kommt dem 
stets fiebrig arbeitenden Kopf 
ganz plötzlich befreiend,
nein, sogar erlösend,
ein heller Gedanke,
der dieses Mal nicht zerstiebt,
weil er stark genug,
weil er kräftig genug ist, 
länger zu bleiben;
ein Gedanke, der sich 
gemächlich aus dem Himmel
wie ein bunt bemaltes UFO
kreisend herabsenkt
und die blassen Augen,
die so vieles bereits sahen,
was sie nie sehen 
sollten noch wollten,
erkennen, dass das,
was da herabkommt, 
eigentlich – oh, wie seltsam! –
einem Planetensystem ähnelt,
dass es eine weitere Welt 
in dieser weiten Welt ist:

Ein blau-violetter Fadenkranz
rotiert als ein wärmendes Feuer 
um das heilige Zentrum,
das den betrachtenden Geist 
einem Astral-Mandala gleich
ganz seltsam entrückt.
Fünf Staubblätter haben sich dort
in der seligen Mitte 
des blumigen Objekts
auf einer kaleidoskopartig 
geschmückten Bühne,
die ein purpurfarbener Schatten umsäumt,
zum ewigen Tanz eingefunden –
hinaus über die Grenzen der Zeit.
Über ihnen thronen 
weißgelb drei Narben,
leicht und irritierbar
wie fast schwebende Kompassnadeln,
sanfte Berührungen erwartend.

Tanzt, ihr Blätter, tanzt!

Tanzt das Leben


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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