An ihrem Fuße leuchtend weiß angemalte Stämme zur linken und rechten Seite der Straße, wie ein Bild aus meiner Kindheit – aus dem vom Iwan besetzten Land, die Köpfe der Bäume noch kahl: Der Sonne harrende Greise, die bald schon wieder grünend sich verjüngen; und dort drüben ein Friedhof, auf dem die Grabsteine zu Hunderten wie vergilbte Zähne in den Himmel ragen: Ein offen daliegender Mund, der sich allein vom Wind ernährt und der die tiefen Geschichten der Toten erzählt, die man hier über all die Jahre eingewickelt und gebettet hat. Herausgehoben und oft in erster Linie erscheinen die Gräber der heimischen Kollaborateure, als wären sie größere Menschen als all die anderen gewesen: Rote Sterne, die längst rot nicht mehr sind, schmücken ihre Steine an deren Köpfen, darunter stehen auf Russisch die wichtigen Funktionen, die sie einst ausübten – im Dienste des ruchlosen Reiches längst in Ruinen. Die Steine für diese Leute beeindrucken heute niemanden und stören wohl auch keinen derjenigen, die hier wohnen, allein Touristenaugen wie die meinen starren manchmal neugierig, ungläubig, entsetzt – aber was weiß ich schon von diesem Land, seinen Leuten … Schräg gegenüber der Gräber liegt das letzte Geschäft des Ortes, in dem es von A bis Z (von A bis Ya) alles gibt, nur keinen Alkohol. Staubaufwirbelnd donnern Lastwagenkolonnen in zuvor definierten und leidlich eingehaltenen Abständen über den Asphalt, um Benzin auch in die letzten Zipfel der Republik zu bringen, damit sie in Bewegung bleibt und nie zur Ruhe kommt. Bushaltestellen aus unverziertem Beton stehen allüberall an den Rändern der Straße wie seltsame Tiere, von denen nur das Skelett übrig geblieben ist, oder sie sehen aus wie komische und viel zu große Stühle, die noch immer darauf warten, dass sich prometheische Übermenschen gewaltsam auf sie setzen, um für Sekunden nur darauf zu verweilen, bevor sie zu neuen Riesentaten schreiten. Es wird nie geschehen. An einer Haltestelle steht ein Arm aus Zement, Kies und Wasser, also gleichfalls aus Beton, steif und grimmig darauf bedacht, diese als auch die kommenden Zeiten zu überdauern, er reckt sich wie ein vertikales Banner in die blass-blauen Lüfte, und hat für die, welche es erschauen, doch keine konkrete Botschaft aus der Vergangenheit, die endlose Ewigkeiten dauern wollte, ja, die der Gipfel der Menschheitsgeschichte sein sollte, zu überbringen. Immerhin: Die Vögel ersingen sich schon den Frühling.