Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Kirgistan I

Start > Lyrik > 2025

An ihrem Fuße leuchtend weiß 
angemalte Stämme
zur linken und rechten Seite der Straße,
wie ein Bild aus meiner Kindheit –
aus dem vom Iwan besetzten Land,
die Köpfe der Bäume noch kahl:
Der Sonne harrende Greise, 
die bald schon wieder
grünend sich verjüngen;
und dort drüben ein Friedhof,
auf dem die Grabsteine
zu Hunderten
wie vergilbte Zähne
in den Himmel ragen:
Ein offen daliegender Mund, 
der sich allein vom Wind ernährt
und der die tiefen 
Geschichten der Toten erzählt,
die man hier über all die Jahre
eingewickelt und gebettet hat.
Herausgehoben und oft
in erster Linie erscheinen
die Gräber der heimischen Kollaborateure,
als wären sie größere Menschen
als all die anderen gewesen:
Rote Sterne, die längst
rot nicht mehr sind,
schmücken ihre Steine
an deren Köpfen,
darunter stehen auf Russisch
die wichtigen Funktionen, 
die sie einst ausübten –
im Dienste des ruchlosen Reiches
längst in Ruinen.
Die Steine für diese Leute 
beeindrucken heute niemanden
und stören wohl auch keinen
derjenigen, die hier wohnen, 
allein Touristenaugen 
wie die meinen
starren manchmal 
neugierig, ungläubig, entsetzt –
aber was weiß ich schon 
von diesem Land,
seinen Leuten …
Schräg gegenüber der Gräber
liegt das letzte Geschäft des Ortes,
in dem es von A bis Z (von A bis Ya)
alles gibt, nur keinen Alkohol.
Staubaufwirbelnd donnern
Lastwagenkolonnen
in zuvor definierten 
und leidlich eingehaltenen 
Abständen über den Asphalt,
um Benzin auch in die letzten Zipfel 
der Republik zu bringen,
damit sie in Bewegung bleibt
und nie zur Ruhe kommt.
Bushaltestellen aus unverziertem Beton 
stehen allüberall 
an den Rändern der Straße
wie seltsame Tiere,
von denen nur das Skelett übrig geblieben ist,
oder sie sehen aus wie 
komische und viel zu große Stühle,
die noch immer darauf warten,
dass sich prometheische Übermenschen
gewaltsam auf sie setzen,
um für Sekunden nur
darauf zu verweilen,
bevor sie zu neuen
Riesentaten schreiten.

Es wird nie geschehen.

An einer Haltestelle steht ein Arm
aus Zement, Kies und Wasser,
also gleichfalls aus Beton, 
steif und grimmig darauf bedacht,
diese als auch die kommenden
Zeiten zu überdauern,
er reckt sich wie ein vertikales Banner
in die blass-blauen Lüfte,
und hat für die, welche es erschauen,
doch keine konkrete Botschaft
aus der Vergangenheit,
die endlose Ewigkeiten dauern wollte,
ja, die der Gipfel der 
Menschheitsgeschichte sein sollte, 
zu überbringen.

Immerhin:

Die Vögel ersingen sich
schon den Frühling.


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

Vorheriges Werk:
« Frühling 2025
Nächstes Werk:
» Vorwärts, zu neuen Verheißungen

Verwandte Texte

Bischkek 2025
Ein zentralasiatisches Stadtbild
Lyrik, 01.02.2026

Karakol
Ein zentralasiatisches Grenzbild
Lyrik, 04.02.2026

Kirgistan II
Beobachtungen aus einer Marschrutka
Lyrik, 17.02.2026