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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Vorwärts, zu neuen Verheißungen

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Und sie tapperten schon wieder
vorwärts, zu neuen Verheißungen,
denn ein Ziel mussten und müssen 
sie immer haben,
ohne ein Ziel, das eine bessere 
Gegenwart in der Zukunft verspricht,
geht es nicht.

Nicht lange ist es her,
dass sie sich
in Bewegung setzten.
Langsam fing es an,
ganz langsam.
Eines Tages liefen 
die ersten Schafe,
man könnte fast sagen:
Freien Willens,
plötzlich los,
angefeuert von
brennenden Hoffnungen,
noch grünere Wiesen
und Weiden zu finden,
denn jemand hatte ihnen
davon in süßlicher und 
leidlich geschwungener
Rede erzählt.

Am Anfang waren es nur wenige,
aber täglich wurden es mehr.

Die Tiere, die sich noch nicht
auf den Weg gemacht hatten,
bekamen es nach und nach
mit der Angst zu tun,
sie stellten sich 
quälende Fragen:

Was, wenn sie plötzlich
als die Dummen,
als die Zurückgebliebenen,
als die Unglücklicheren,
vielleicht sogar 
als die Hungernden,
später Verhungernden
dastehen würden?
Durften sie das riskieren?
Und kläfften der Schäfer 
schwarze Hunde,
welche nun erschienen waren,
um die Bewegung sicherzustellen
und sogar zu beschleunigen,
nicht pausenlos schon 
von links und rechts und hinten,
hatten sie nicht 
aufgeregt und drohend
ihre Schwänze steif erhoben,
um sämtliche Schafe 
in die frische neue, 
nun eben angesagte
Richtung zu jagen?

Es gab nur einen Weg,
immer gab es nur einen Weg:

Jenen, den die schwarzen Hunde wiesen.

Und diese kläfften und kläfften,
die einfältigsten der Schafe aber
ahmten sie blökend nach,
nicht merkend, wie sehr
sie sich dabei entblödeten,
und einige glaubten gar,
sie hätten die Laute,
die sie dabei von sich gaben,
selbst erfunden!

Oh, Ihr ––––––––––––– Schafe!

Das Tun und Treiben der Hunde
zeigte jedenfalls Wirkung,
eine immer größere Wirkung:

Mehr und noch mehr Schafe
machten sich auf die Reise
in ein vermeintliches Glück,
das doch nie jemand erblickte,
und jene immer deutlicher
zur Minderheit geratenden Restschafe,
die bis dahin davon unbeeindruckt schienen,
sahen sich plötzlich gezwungen,
sich selbst und den anderen
gute Gründe für ihr Verharren
in der gewohnten Umwelt,
in den gewohnten Bahnen
vorzubringen,
obwohl dieser Tage
noch ausreichend
frisches Gras unter ihre Klauen
und in ihre Mäuler kam.

Sollten sie sich nicht auch
einfach ergeben,
sich dem Strom der Mehrheit 
anschließen?

Die Masse zog also fort,
und einige wenige blieben.
Die Masse musste sich 
nicht rechtfertigen:
In ihr tat doch ein jeder nur,
was ein jeder tat.
Das enthob sie,
so zumindest war ihr Glaube,
ihrer Pflicht,
selbst zu denken,
selbst zu entscheiden,
Verantwortung für das 
eigene Leben
zu übernehmen:

War es nicht auch ganz angenehm,
sich einfach nur treiben zu lassen?

Viele sahen es so!

Dieser Auszug der Schafe
dauerte eine ganze Weile,
die meisten waren längst
auf die Reise gegangen,
und wenn es welche gab,
die das zuvor erklärte Ziel 
bereits erreicht hatten,
so war es doch nicht der Ort,
den man ihnen versprochen hatte,
war es doch nicht der Ort,
an dem sie verbleiben konnten,
aber vorerst ließen sie sich 
nichts anmerken,
auch wenn manche sich
ihrer nun erwiesenen Dummheit
tatsächlich ein wenig schämten,
und bevor sie ihren Mund auftaten,
um vielleicht trotzdem
ein wenig zu schimpfen und
ein wenig zu meckern,
fing alles bereits wieder
von vorne an:

Und sie tappern schon wieder
vorwärts, zu neuen Verheißungen,
denn ein Ziel mussten und müssen 
sie immer haben,
ohne ein Ziel, das eine bessere 
Gegenwart in der Zukunft verspricht,
geht es nicht.


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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