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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Theodor Lessing

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Früh flohst du 
die braunen Nächte,
die Jahre ohne Tage
wurden:

Braune Nächte,
welche sich das 
von seinen selbst
verschuldeten Schicksalen 
geschüttelte und gerüttelte
Volk im Wahn
frei erwählte.

So geschah es
im späten August 
1933:

Die Mörder fanden dich
im Arbeitszimmer
der Villa Edelweiß,
wo du selbst
wie ein Blume blühtest,
so etwa gegen 21 Uhr.
Sie zielten auf deinen Kopf,
einen der geistreichsten
des Landes.
Sie trafen,
und du verstarbst
kurz nach Mitternacht –
in einer braunen Nacht.

Geschrieben hattest du
von Paul und Fritz,
Hindenburg 
und Haarmann,
geschrieben hattest du
mit manchmal
zweischneidigem Messer,
und mit dem Blick eines
in Details verliebten Botanikers, 
mit dem Blick eines 
neugierigen Seelentauchers,
mit dem Blick eines
unbeschwert tanzenden Denkers,
dem keine Ritze
zu schmal oder dunkel war,
um nicht darin einzudringen
und wieder zurückzukehren:

Die Hände voller Gold
und Diamanten.

Du schriebst davon,
wie sich Tiere und Pflanzen
im Menschen wiederfinden
oder umgekehrt;
du schriebst begnadet
von deutschen 
und blutenden Bäumen,
von der Geometrie
der Dummheit,
vom Schlangestehen
und hüpfenden Flöhen,
du schriebst davon,
dass Geschichte an sich
sinnlos sei und,
wenn ich es hier 
in diesen andächtigen Zeilen
einmal ganz locker 
referieren darf,
dass man ihr jeglichen Sinn 
nur nachträglich aufklebt,
vielleicht wie eine Briefmarke,
deren Gummierungsgeschmack
einem noch lange 
und immer bitterer 
schief im Munde hängt!

Deine Stimme:

Kaum gehört,
heute fast 
ganz vergessen.

Sie ist,
wie du ahntest,
wusstest, fürchtetest
tatsächlich gefangen
wie eine Flaschenpost
im Eismeer der Zeit,
aber sieh:

Einzelne glückliche 
heiße Hände
finden und greifen sie –
trotzdem!

Und lebtest du heute,
in diesen,
in unseren 
schlauen Tagen
ein neues,
verheißungsvolleres
Leben:

Wieder würde man blind 
an deinen Texten 
vorbeigehen,
oder sie tief und
verzerrten Gesichts
verachten,
wieder würde man 
dich wohl am Ende 
gezielt töten.

Dabei musst du doch
dringend nach Schanghai,
wo Fancy, die liebe Fancy,
auf dich wartet!


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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