Eiligen Schrittes sind wir gerade fünf Stockwerke hinabgestiegen und doch einige Sekunden zu spät aus unserer Unterkunft herausgekommen, um eine „Strafe” von ein paar Cent zu vermeiden. Auf dem Kopfsteinpflaster wartet unser Fahrer in seinem kleinen, weißen Koreaner auf uns. Als er uns sieht, steigt er aus. Der Mann ist vermutlich Mitte 50 oder knapp darüber und etwas aufgeregt, vielleicht ist es heute seine erste Tour, die er überhaupt macht. Er trägt ein ärmelloses Leinenhemd.
Wir begrüßen uns knapp mit einem „Dobrij ranok”. Ganz sachlich.
Es ist 9 Uhr. Das Autoradio in dem Koreaner läuft, ein Muntermacher hebt an:
Ein Mann pfeift beschwingt, bald sticht eine klare Gitarre mit ihren Stakkato-Akkorden durch die Melodie, dann wechselt das Pfeifen in Gesang, die Snare setzt ein:
Guten Morgen, Ukraine
Wach schon auf, Kleine
Ich bringe dir, Einzige
Eine Tasse Kaffee und Milch
Guten Morgen, Ukraine
Alles, was in meinem Leben ist
Wach auf, Ukraine
Zeit aufzustehen, Zeit sich zu finden
Wir haben kein Gepäck zu verstauen, setzen uns in das Fahrzeug, der Fahrer ans Steuer. Er nimmt einen Schluck aus einem kleinen braunen Kaffeebecher, den er zuvor in der Armatur abgestellt hatte. Er trinkt mit leicht zittrigen Händen, als wäre es Kraftstoff, den sein Körper braucht, um die vor ihm liegende Aufgabe zu bewältigen. In seinem Navigationsgerät gibt er die Route ein: Schehyni Grenze. Sperrgebiet. Wenn er für diesen Weg eine Hilfe braucht, denke ich, kann der Fahrer kaum von hier sein. Dann geht es auch schon los. Vielleicht ist auf den Hauptstraßen überall Stau, wir meiden sie und sausen durch die sommerlichen Seitenstraßen von Lwiw, über Kopfsteinpflaster, vorbei an grauen Häusern und grünen Bäumen, manche dieser Straßen haben wir noch nie gesehen, und auch unserem Fahrer scheinen sie neu zu sein.
Wir sind müde, ziemlich müde. Wir haben die Nacht kaum geschlafen. Unter dem Dach, wo unsere Betten standen, war es stickig heiß. Dazu die Aufregung, die Sorgen, die unbequemen Matratzen … Schon jetzt nicke ich immer wieder für einige Sekunden ein.
Wir passieren den westlichen Busbahnhof, kurz darauf das Ortsschild der Stadt. Tschüss, liebes Lwiw. Wann werden wir dich wiedersehen? Ich döse ein. Als ich die Augen erneut öffne, fahren wir schon über offenes Land. Die Straße ist hier schlechter, voller Löcher. Der Fahrer kennt sie nicht, er nimmt so manches von ihnen mit, während andere Fahrer geschickt jedem einzelnen ausweichen; auch fällt es ihm schwer, die Spur zu halten. Einmal fährt er geradeaus, direkt in eine Baustelle hinein, obwohl er die Kurve hätte nehmen müssen. Das hätte er sehen können. Müssen. Er wendet ohne zu fluchen, wir kehren um. Jetzt nehmen wir die Kurve. Geschafft. Weiter Richtung Grenze. Ich schaue mir den Fahrer etwas verstohlen genauer an. Er ist unheimlich dünn, tatsächlich ausgemergelt, als wäre er erst vor kurzem aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden, und so unheimlich unruhig, obwohl er kein Wort redet. Ihm jucken permanent die Hände, er kratzt sich beim Fahren, verliert wieder die Spur, korrigiert seinen Kurs. So geht es die ganze Zeit. Ich bete still, dass wir diese Reise überstehen mögen. Ich schlafe wieder kurz ein, erwache.
Vor uns liegt ein rundliches dunkles Etwas, ein zerfetzter Igel auf der Bahn, wir fahren über ihn hinüber, ohne ihn zu berühren. Wenigstens das! Ich frage mich, ob ich gerade wirklich einen toten Igel gesehen habe oder ob ich nur so übernächtigt bin, dass ich schon halluziniere. Ich habe keine Zeit, diese Frage zu beantworten: Schon sehe ich vor uns platt ausgestreckt einen Fuchs, den Kopf eng auf den Asphalt gedrückt, die Beine in die Nebenhimmelsrichtungen gespreizt, das Fell leuchtend orange, die weiße Spitze des Schwanzes Richtung Lwiw zeigend. Das kann ich nicht träumen, es muss wirklich sein. Wir befahren eine Straße des Todes. Wie ist das möglich, so viel Unglück auf so wenig Raum? Es kann nicht lange her sein, mutmaße ich, die Tiere waren noch gut zu erkennen. Vielleicht starben sie in der Nacht? Ein Lastwagen voller militärischer Güter saust ohne Lichter durch die Dunkelheit. Es bumpert einmal. War etwas? Vielleicht, vielleicht nicht. Wenig später bumpert es noch einmal. Was war das schon wieder? Vielleicht eine Katze. Warum schläft sie nicht in ihrem Dorf?
Wir erreichen die Sperre vor Schehyni. Ein Soldat hält unser Auto an, der Fahrer lässt die automatische Scheibe, an der ich sitze, rasch herunter. Er hält seinen Personalausweis vor sich wie ein Schiedsrichter eine seiner beiden farbigen Karten und ruft dem Bewaffneten nur zwei Worte zu, die genügen: „Taxi. Inosemzi”. Der Soldat macht mit seinem rechten Arm eine Schwungbewegung nach vorn, wir dürfen weiterfahren. In Schehyni, unweit des Busbahnhofes, kommen wir auf einer staubigen Sandfläche zum Stehen. Ich reiche dem Fahrer noch ein Trinkgeld von einhundert Hrywni. Es ist nicht viel, aber er freut sich wie ein neugeborener Lotto-Millionär. Er drückt mir die Hand und erzählt, dass er damals in der DDR gedient habe. So viele, die wir treffen, haben dort gedient. Wir müssen weiter, sagen rasch „Do pobatschennja”, wünschen dem Mann alles Gute und steigen aus. Er wendet sein weißes Fahrzeug, das dabei etwas Staub aufwirbelt.
Hoffentlich, denke ich, kommt der Fahrer wieder heil in Lwiw an.
