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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Vor den Gesichtern

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Immer zeigen sich die Muster ausgesuchter Schönheit, hergestellt in Jahren fleißiger, aufopfernder Arbeit in einer Welt, die wenig mehr als eine Ansammlung von Bühnen ist:
Fein geschwungene schwarze Linien, die von scheinbar aufblühendem Gold übertrumpft werden, schmücken das bleiche, fast kalte Weiß der makellos glatten Oberfläche. Hier schlängelt sich ein blaues Band wie wulstige Seide um den Hals, dort steht ein in den Himmel zeigendes Pik astrein über der Nase, das auch noch – es darf in der Beschreibung nicht ausgespart werden – einen kostbaren Smaragdtupfer verschwenderisch birgt. Ein stolzer Pfau hält einen winzigen Diamanten in seinem hornfarbenen Schnabel und schmiegt sich bunt befiedert an eine stets kühle, vielleicht tönerne Wange; ein Rosenstrauß wächst flammengleich, von Algengrün bis Himbeerfarben lodernd, vom Hals bis über den Scheitel hinaus. Er reckt sich und streckt sich – und Wunder häuft sich auf Wunder!
Auf den Köpfen sitzen steife Piratendreispitze, samtweiche federverzierte Hüte – oder vollkommenes Übermaß anzeigende goldene Kronen mit zahlreichen zauberhaft geformten Zacken. Die schmalen Münder im Süden dieser exzessiven Landschaften sind unheimlich düster, purpur oder grellrot geschminkt, vernichten Licht oder strahlen es freundlich zurück. Aber ach und Stopp! – das alles ist ja nur bloßer Schein, Trug und Täuschung!! – und doch längst noch nicht alles:
Ziselierte Ornamentscheiben, diese Stiefbrüder und -schwestern des gestalterischen Verbrechens, sitzen gleich lichtzarten Oblaten, die gewitzte Teufel als köstliche Nahrung in den endlos langen Straßen und Alleen im Tausch mit Seelen ausgeben, um die Partien der Gesichter, aus denen stets wie aus unwirklichen Höhlen halbwegs lebendig wirkende Menschenaugen listig flackernd schauen.
Gar wunderlich mag all das wirken, doch die Leute haben sich ihr ganzes liebes langes Leben daran gewöhnt, einander so zu begegnen, anders, so scheint es, wollen und können sie sich gar nicht sehen: Ein jeder ist dem anderen eine so fein, eine so aufwändig hergestellte und gepflegte Maske. Und Vorsicht, größte Vorsicht! Wer nur einziges Mal dahinter blicken lässt, verliert wahrscheinlich für immer sein akzeptiertes zweites, sein eigentlich erstes Gesicht, weil man das wahre Gesicht hinter der Maske, diese Offenbarung, kaum mehr vergessen kann: Illusionen werden dann als Illusionen sichtbar und diese Enttäuschung ist nicht nur unumkehr-, sondern zumeist auch unverzeihbar.
Was?, geht die scharf bohrende, anklagende Frage, du willst die Maske sein, die du jetzt wieder trägst? Glaubst es ja selbst nicht … Hier, nimm diesen Schwung kalten Wassers, und sieh, wie es die künstlich errichtete Ordnung, alles blendende Werk dazu bringt, traurig wie Tränen, hastig, ja, beinahe chaotisch zu zerlaufen; sieh, wie dir all das angeklebte Zeug aus dem “Gesicht” scheppernd auf den Boden stürzt!
Nun sag mir, wie gefällt dir denn das Bild dieser Trümmer zu deinen Füßen?!
Aber lass ab, sag lieber nichts, sag gar nichts.
Und ich? – hauche nur leise: Auf Wiedersehen.
Auf Wiedersehen!

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