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Städtische Begegnung IV

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Da der Fahrer der vorherigen U-Bahn seine Gäste in der Frankfurter Allee allesamt außerplanmäßig auf den Bahnsteig gebeten hat, ist die nächste, ein sehr altes, dottergelb lackiertes Modell, auch in dieser späten Abendstunde, in der sie weiter in den Osten fährt, mehr als nur gut gefüllt. Im Türbereich am Ende eines Wagens steht ein großer Mann, der sicherlich schon über 50 Jahre alt und in keinster Weise auffallend gekleidet ist. Man sieht ihm an, dass er sich unwohl fühlt, irgendwie unter Spannung steht. Er hat sich so positioniert, dass sich möglichst wenige Passagiere direkt neben ihm befinden, und doch ist der Abstand zu ihnen nur gering. Die Bahn fährt los, und noch bevor der Mann mit gewöhnlichen Worten spricht, spricht sein Körper. Impulse, Gedanken durchzucken ihn, und jenen, die ihn beobachten, ist klar, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass gleich etwas passieren wird. Jetzt gibt der Mann ein paar beinahe tierisch klingende Geräusche des Unwohlseins von sich, als nähme er Anlauf, als sammle er seinen Mut, als tobte in ihm ein Hund, den er gerade noch so an der Leine halten kann, aber das täuscht und ist vielleicht doch nicht vollkommen verkehrt: Wie ein alter Hase, der dieses Spiel schon eintausend Mal gespielt hat, stellt er Blickkontakt mit der Person her, die nach seiner Wahrnehmung am meisten auf ihn reagiert hat. Das bin dann wohl ich. Listig blinzelt mich der Mann mit seinen Augen an. Nun hat er also ein Publikum, und schon legt er mit einer Erklärung los: “Ich hasse Menschen”, sagt er mit Nachdruck und doch fast süßlich. Er genießt es offenbar sehr, diese aufrechten Worte auszusprechen. “Und ich liebe Bücher”, vervollständigt er seine Aussage, die bisher nur isoliert in der Luft hing, als wollte er sich damit vor bösen Urteilen retten. Kurz prüft der Mann sein Publikum ab, zu dem jetzt nicht mehr nur ich gehöre, um aus dessen Gesichtern zu lesen, wie es seine Worte aufgenommen hat. Er legt gleich eine Erklärung mit nicht geringem Stolz nach: “Ich bin nämlich Bibliothekar". Ich, der ich auch Bücher liebe, lächle ihn an und sage mit einiger Ironie im Ton: “Sehr gut!”. Der Mann freut sich und in dem Moment steige ich auch schon aus, da die U-Bahn inzwischen in meinen Zielbahnhof eingelaufen und zum Stillstand gekommen ist. Natürlich frage ich mich später, warum der Mann mit Menschen kommunizieren wollte, wenn er sie doch hasst, und wie er Bücher lieben kann, obwohl sie von Menschen geschrieben worden sind, aber ich weiss auch, dass ich, wenn ich diese Begegnung einmal aufschreiben sollte, genau diese Gedanken nicht preisgeben darf, weil sie sich die Leser am liebsten ungestört selbst machen wollen. Sie brauchen niemanden, der ihnen die Dinge vor-, ein- oder sogar ganz ordnet. Das weiss ich alles, das weiss ich doch alles.

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