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Städtische Begegnung V

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Keine Taube sitzt auf der Kamera, die, geformt wie eine kleine quaderförmige Kanone, stur den immer gleichen Abschnitt der Plattform im Bahnhof Berlin Alexanderplatz begafft. Die Kamera sieht Leute in die S-Bahn ein- und aus ihr aussteigen, sieht sie warten, hin- und hergehen, kommen und verschwinden. Sie sieht auch eine Frau, die ihren Kopf mit einem champagnerfarbenen Tuch verbirgt und die mit einem Mal in den Weg einer Passantin tritt, um dieser ein schwarzes, beinahe seidenglänzendes Telefon vor die erstaunten Augen zu halten. Die Frau mit dem Kopftuch gestikuliert mit den Händen und spricht kein Wort, macht keinen Laut – als wäre sie stumm. Auf dem Bildschirm ist die Frau selbst abgebildet, wie sie ein Baby in ihrem Arm hält, im gleichen Aufzug, in dem sie sich gerade jetzt auf der Plattform zeigt.
Mit den Fingern verdeutlicht die Frau: Das bin ich, das ist mein Kind. Mit der freien Hand macht sie löffelnde Bewegungen vor dem Mund. Die angesprochene Passantin, vielleicht gerade auf dem Weg zu ihrer Arbeit, ist von dieser Bettelei genervt, aber als die Frau sie traurig und enttäuscht anblickt, gibt sie doch auf: Die Last des Gewissens möchte die Passantin nicht durch ihren langen Tag tragen müssen! Mit einem Seufzer schnallt sie ihren kugelrunden Rucksack ab, setzt ihn auf die kalten Steine der Plattform und fängt an, darin nach ihrem Portemonnaie zu graben, um die Herzenstat, auf die es die Frau abgesehen hat, auszuführen.
Gut, denke ich mir, dass ich diese Szene selbst nicht beobachtet habe, aber als die stur und schräg von oben auf die Plattform blickende Kamera hätte ich mich schon gefragt, was für ein Telefonmodell das eigentlich war, das die Frau als Frau mit ihrem Baby zeigte.

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