«Die poetische Ukraine: Eine Sammlung kleinrussischer Volkslieder» ist ein
bemerkenswertes Buch von Friedrich Bodenstedt, das 1845 im Stuttgarter /
Tübinger Cotta-Verlag erschien. Es hat einem deutschen Publikum einige
ukrainische Volkslieder bzw. Gedichte schon recht früh zugänglich gemacht,
auch wenn es im Titel die russisch-imperialistische Verdrehung enthält,
welche die Ukraine als untergeordnetes kleineres Russland definiert. Man
kann es nicht oft genug sagen: Die Ukraine ist nicht Russland, ist es nie
gewesen und wird es niemals sein. Die Ukraine ist ein Land der Freiheit mit
eigener Sprache und Kultur, Russland ein gewalttätiges Land der Despoten
und Untertanen, dessen historischer Auftrag ganz offensichtlich darin
besteht, Leid und Elend in die Welt zu bringen.
Der Herausgeber und Übersetzer
Friedrich Bodenstedt (1819 in Peine geboren, 1892 in Wiesbaden gestorben)
studierte Philosophie und Philologie und ging 1840 als Lehrer in das
zaristische Moskau, wo er die russische Sprache erlernte. 1843 zog er dann
weiter nach Tbilissi, um schließlich 1846 nach Deutschland zurückzukehren.
Er hat russische Dichter wie Puschkin, Lermontow und Kolzow in die deutsche
Sprache übertragen, und eben auch einige ukrainische Volkslieder.
Ein Beispiel
Ich möchte hier nur ein einziges Beispiel aus dem Buch «Die poetische
Ukraine» hervorheben, auch wenn es weitere Texte enthält, die durchaus
lesenswert sind. Gewählt habe ich das titellose 13. Volkslied, das
erschreckend aktuell in seinem Inhalt erscheint, da es offenbar genau den
Kampf der Ukraine gegen Russland schildert: Die Ukraine begegnet uns in dem
Text als eine Schar edler, weißer Schwäne, die auf einem blauen Meer
schwimmt. Auf diese Schwäne stürzt ein schmutziger, grauer Aar aus der Luft
herab. Wer denkt da heute nicht an den verbrecherischen Bombenterror, mit
dem die Russen die Ukraine seit Monaten überziehen? Dann wird der Text
dunkel, passt die bis hier vorgetragene moderne Interpretation vielleicht
gar nicht mehr, denn was ist das für eine Stadt, dieses Kistrin? Die Horde:
Sind das schon die Moskauer selbst oder noch die Mongolen? Wohl doch eher
die Mongolen. Das exakt zu beantworten wäre Aufgabe eines Historikers,
natürlich wäre es auch gut, den Originaltext zu kennen und etwas von seiner
Entstehung zu wissen. Begnügen wir uns stattdessen damit, über das
furchtbare Schlussbild des Textes nachzudenken, in dem man uns als Leser
Brücken zeigt, die nur aus den Köpfen von Moskauern gebaut sind. Haben die
Moskauer so die Grausamkeit, welche sie bis heute an den Tag zu legen
pflegen, von den Mongolen erlernt? Darüber zu spekulieren ist wohl müßig …
13. Volkslied
Schwamm auf dem Meere, auf blauem Meer,
Langsam ein weißer Schwan einher;
Schwamm mit seiner Schwänlein weißer Schaar
Sieh', da stößt auf ihn nieder ein grauer Aar,
Hub den Schwan zu beißen, zu schlagen an,
Hub der Schwan ihm dies Wort zu sagen an:
O, nicht schlage, nicht beiße mich, grauer Aar,
Und ich erzähle dir Alles treu und wahr:
In der Stadt, die Kistrin den Namen trägt,
Sich die Horde schon drei Tag' und Nächte schlägt,
Schon drei Tage, drei Nächte im Kampfe weilt,
Und hat sich zuletzt in drei Theile getheilt.
Fließt all blutroth der Strom, plätschert klagend laut,
Hat man über den Strom große Brücken gebaut;
Hat man Brücken gebaut, die nur aus Köpfen besteh'n,
Aus Menschenköpfen, moskowitischen.
