Bohdan Zaleskyj (* 1802 in Bohatyrka, Ukraine – † 31. März 1886 in
Villepreux, Frankreich) war ein polnischer Poet der romantischen Periode,
den man zur «ukrainischen Schule» rechnet. Sein Vater war Wawschynjets Zaleskyj; seine Mutter, Maria
Burkatowna, stammte aus einer moldawischen Familie; einer seiner
Urgroßväter war ein Saporischer Kosake, dessen Schicksal uns der Dichter in
dem Werk «Sosulitsch» überlieferte. Bohdan Zaleskyi besuchte das Gymnasium
in zentral-ukrainischen Uman und kam später nach Warschau, musste aber nach
dem Novemberaufstand 1830/31, in dem die Polen ihre Freiheit gegen die sie
unterdrückenden Russen erkämpfen wollten, nach Paris fliehen. Insgesamt
verließen damals etwa 50.000 Polen ihr Land, um russischen Repressalien zu
entgehen. Damals wie heute ist Russland also eine Bedrohung der Völker – es
hat noch gar nichts aus seiner an Völkermorden reichen Geschichte gelernt,
und es verübt daher immer wieder neue abscheuliche Verbrechen gegen die
Menschlichkeit.
Zaleskyj wurde ein Freund von Adam Mickiewicz und reiste durch Frankreich
sowie über Italien bis Jerusalem. Dieser hatte eine hohe Meinung von ihm
und schrieb:
«Zaleskyj ist der größte unter den slawischen Dichtern. Zum Abschlusse der
poetischen Festspiele der Slawen streute er Blumen aus; er wird immer jene
in Verzweiflung bringen, die noch die Kunst der Kunst halber lieben
wollten, denn er hat alle Mittel, alle Rhythmen erschöpft, alles — was es
an Glanz im Kolorit, an Zartheit in der Schattierung gibt».
Zaleskyj war zwar Pole – sein Freund Malczewski nannte ihn jedoch nur «den
Kosaken». Seine Jugendjahre soll er im unmittelbaren Verkehr mit dem
Kosakenvolk verbracht haben. Wir haben oben bereits gehört, dass einer
seiner Urgroßväter selbst noch Kosake war. Die Ukraine war also Zaleskyjs
geistige Heimat, und es verwundert daher nicht, wenn sein episches Gedicht «Der Geist der Steppe» folgenden Anfang hat, der die Ukraine als seine Mutter darstellt:
Zitat: Mich auch hat ja die Ukraine,
Sie, die Mutter ihren Sohn,
An dem Busen groß gezogen
Mit der Milch des Lieds, der Sage.
In der Emigration blieb Zaleskyj die Ukraine ein unerreichbarer
Sehnsuchtsort; ihm war es nicht vergönnt, sie noch einmal zu Lebzeiten
aufzusuchen, die politische Situation, das russische Imperium verwehrte es
ihm. In seinem nachfolgend aufgeführten Gedicht «Bei uns wie anders» (hier in der Übersetzung von Heinrich Ritschmann, 1875) besang er in der
fernen Fremde das geliebte Heimatland, besang das Leben der Kosaken in
vollen, runden Tönen immer im kontrastierenden Vergleich zur eigenen
blasseren Gegenwart – und da ihm auf Erden keine Wiedervereinigung mit der
Ukraine möglich war, so wünschte er sich von seinem Gott, ihr doch
zumindest im Himmel wieder begegnen zu dürfen:
«Gib einst im Himmel die Ukraine mir!»
Wie schmerzhaft aktuell ist das für viele Ukrainer, die gerade außerhalb
der Ukraine als Flüchtlinge leben müssen, weil die Russen einen
schrecklichen Vernichtungskrieg mit unbeschreiblichen Verbrechen gegen ihr
wunderbares Land führen. Und doch gibt es auch die andere Bewegung, gibt es
die Rückkehrer, manchmal gar Kinder von früheren Emigranten, die sich
gerade jetzt in diesen schweren Stunden auf die familiären Wurzeln besinnen
und sich diesen zuwenden. Wer die Ukraine und ihre Bewohner kennt, wird
diesen Drang nur zu gut verstehen können!
Die Ukraine kämpft für das Gute, die Menschlichkeit. Sie muss gewinnen.
Lasst uns daher alles in unserer Macht stehende dafür tun, dass die
geflohenen Ukrainer nicht erst im Himmel wieder auf ihre Ukraine treffen,
sondern hier in dieser Welt – in Frieden, Einigkeit und selbstbestimmter
Freiheit!
Zitat: Bei uns wie anders
Wie bangt mein Herz hier fern am Donau-Fluss!
Ich bin so traurig, daß ich weinen muß;
Beklommen macht mich dieser Menschenschwarm,
Das fremde Weltgewühl so leer und arm!
Hier kann es nichts für den Kojaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Du mein Lachenland,
Das um uns Slawen schlingt ein festes Band,
Wir Brüder sterben, wenn du winkst, für dich,
Ukraine, noch im Traum erfüllst du mich!
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Üppig, frei und schön!
Ob auch im Wege Hügel sich erhöh’n
Und Schatten werfen: aus den Lüften schaut
Des Falken scharfer Blick in hohes Kraut.
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Die Ukraine beut
Ein unermessnes Feld, vom Lenz bestreut,
Und Gottes Sänger ziehn darin umher,
Das bunte Tongewirr stirbt nimmermehr.
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Was mein Sinn begehrt,
Mein Lied besingt, versteht mein Freund, das Pferd,
Es wiehert: ob es seiner Herde denkt,
Gleich mir den Brudersinn zur Freiheit lenkt?
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Klingt auch trüb und bang
Im Reich der Totenhügel unser Sang,
Er schwingt empor sich zu der Väter Geist,
Wenn er die Taten der Verklärten preist
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Was mein Mädchen träumt,
Verrät das Lächeln, das die Lippe säumt,
Die muntere Russalka, duftig leicht,
Und Liebchens Blick von Sehnsuchtstränen feucht.
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
Bei uns wie anders! Liebe, Sehnsuchtsdrang
Begleiten uns das ganze Leben lang.
Mein Gott, in Thränen stehe ich zu dir:
Gib einst im Himmel die Ukraine mir!
Hier kann es nichts für den Kosaken geben;
Bei uns, bei uns da ist ein and’res Leben!
