Aktuell
© 1999-2026 by Arne-Wigand Baganz

Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Der Palast

Start > Lyrik > 2025

Der Palast:

Erträumt, erbaut, bezogen –
liegt nach Jahren jäh
in jämmerlichen Ruinen.
Manch eine seiner Ecken steht noch
wie ein faulender Zahn:

Verfall verkündend,
Verfall verbreitend.

Oh, diese Fragen,
die weder bohren
noch drängen
noch brennen,
aber gestellt werden
müssen sie doch:

Wohin ist jetzt all die geliebte Pracht,
die so viele Augen staunen machte? –
und wohin das schöne Leben
in einst reichlich 
geschmückten Räumen?

Wohin?!

Alles ist morsch.
Alles ist schwach.

Wird noch schwächer.
Noch schwächer!

Das ist die Antwort.
Keine Antwort.

Helle Blumen bilden Kontraste
und umstehen inzwischen
täuschend das sieche Gebäude,
sind ja Unkraut nur,
es endlich zu erobern.

Sie warten –
und ihre Zeit wird kommen,
auch wenn niemand
um ihre Einkehr bittet,
niemand je bittet.

Ihre Zeit wird kommen!
Wird doch kommen.
Wird kommen.

Bleiweißer Vogelsang erklingt schon
dann und wann kläglich
aus den voluminösen Kronen 
im Wind des Wandels 
erzitternder Bäume –
oder sind es nicht eher
vor Übermut vergehende,
miteinander fast flüsternd 
fauchende Drachen,
die gemeinsam heimlich 
einen frechen Feuersturm vorbereiten,
und sich dabei dennoch verraten,
weil sie nie still genug
sein können?

Bilder, Träume, Visionen
wie aus viel zu glatten Märchen …

Du greifst nach ihnen,
aber deine Hand rutscht ab.

Greifst, rutschst ab.

Und du fragst dich untätig,
als gäbe es keine andere Frage
und nichts zu handeln,
wirklich nichts zu handeln:

Wann wird es denn brennen:
Morgen oder noch heute?

Aber hat es nicht 
schon längst gebrannt?

Hat es nicht?!

Und was ist überhaupt
mit diesem Palast:

Hat es ihn je so gegeben,
wie die Erinnerung 
starr behauptet?

Du zögerst,
jeder sieht,
wie du bleich wirst
und zögerst,
dabei ist es gewiss,
oh, so gewiss!

Es muss.

   Es hat!


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

Vorheriges Werk:
« Frühstück in Palermo
Nächstes Werk:
» Die Stimme

Verwandte Texte

Der Tang
Eine dramatische Allegorie des Aufstiegs und / oder Wachstums
Lyrik, 12.08.2025

Der Letzte
Eine sanfte Untergangsballade – wie ein spätes Echo auf "Stoisch"
Lyrik, 13.08.2025

Zweierlei (Arten der Häutung)
Eine Meditation über Identität und Wandel
Lyrik, 03.10.2025