Dass ich Robert Walser (* 15. April 1878 in Biel, Kanton Bern; † 25. Dezember 1956) erst spät entdeckte, hat einen banalen, fast peinlichen Grund: Seinen Namensvetter Martin. Wenn ich irgendwo nur den Namen Walser sah, blickte ich in einen literarischen Abgrund und machte mich eilig davon, um mich darin nicht zu verletzen. Wie viel ist mir durch diese Flucht entgangen, das ich nun, während ich schon auf die Fünfzig zugehe, langsam aber mit durchschlagender Gründlichkeit nachhole?!
Robert Walser, der leise Melancholiker, der schreiben konnte, worüber er wollte, alles gelang ihm. Er war einer der ganz Großen! Franz Kafka, Robert Musil (für ihn war Kafka ein Nachfolger oder ein „Spezialfall“ Walsers) und Walter Benjamin mochten ihn – diese drei, nicht allein sie, haben einen guten Geschmack bewiesen, die brotspendende Menge aber, auf die ein Autor angewiesen ist, der von nichts anderem zu leben versucht als seinem Schreiben, bewies ihn nicht!
In dem folgenden Zitat aus einem kurzen Text von Robert Walser, den er während des Ersten Weltkrieges schrieb, geht es auch um Große, allerdings nicht um Große der Literatur, eher um Mächtige, um Herrscher, die es in der Geschichte der Menschheit immer gegeben hat und wahrscheinlich immer geben wird, um Herrscher über Länder, Firmen, Schulhöfe und dergleichen:
Die Großen sind nicht durch sich selbst groß, sondern durch die andern, durch alle die, denen es ein Entzücken bereitet, sie als groß zu erklären. Durch vieler Leute Würdelosigkeit entsteht diese eine überragende Ehre und Würde. Durch vieler Leute Kleinheit und Feigheit entsteht diese auf einem Punkt aufgehäufte Summe von Größe und durch vieler Leute Verzicht auf Macht diese gewaltige Macht. Ohne Gehorsam ist der Befehlshaber und ohne Diener ist der Herr nicht möglich.
Quelle: “Pauli und Fluri”, Juli 1915 in “Deutsche Monatshefte” (Die Rheinlande)
Die Parallele von Walsers Passage zu Étienne de La Boéties Erklärung der Tyrannenherrschaft in „Discours de la servitude volontaire“ (1577) ist verblüffend (La Boétie: “Wie kommt er zur Macht über euch, wenn nicht durch euch selbst? Wie würde er wagen, euch zu verfolgen, wenn ihr nicht einverstanden wärt?“), aber in der Forschung ist, soweit ich weiß, kein direkter Einfluss La Boéties auf Robert Walser bekannt; andererseits ist es ehrlicherweise nicht einmal ein besonders origineller Gedanke, zumindest im 20. Jahrhundert und in unserer Gegenwart – haben könnte ihn jeder, doch nur wenige werden ihn so elegant ausformulieren können.
Die Pointe des Zitats besteht vielleicht auch darin, dass alle Menschen diese Abhängigkeit erkennen könnten, aber sich viele ihrer nie bewusst werden, und wenn doch, dass sie sich trotzdem nicht in der Lage sehen, sie fundamental zu durchbrechen – oder, was noch dramatischer wäre, es nicht einmal wollen.
MALER, POET UND DAME
In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte. Dichten, Phantasieren und Träumen ist ein Geschäft, bei dem zeitweise ungemein wenig Gewinn herausschaut, der Poet wusste das. Er wusste, dass sein Unternehmen keineswegs einträglich sei. Er war sich der Kühnheit und Waghalsigkeit seiner Lage vollkommen bewusst. Rechte Poeten sind stets gescheite Menschen, die ganz genau wissen, dass sie Tapferkeit nötig haben, um den Mangel an Achtung zu ertragen, welchem sie sich dadurch aussetzen, dass sie das sind, was sie sind, nämlich Poeten. Er, der hier in der Dachkammer saß, war sozusagen in einem Brüten über sich selbst begriffen. Zu diesem Sieden und Brüten eines gedankenvollen Kopfes kam noch das Brüten, Sieden und Braten, das Sengen und Kochen der sommerlichen Hitze. Es herrschte in der Kammer eine bedenkliche, beträchtliche Schwüle und Wärme. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier mit einem angefangenen Stück Prosa. Von Zeit zu Zeit spazierte der Poet in seinem Kerker oder Bleikammer auf und ab, um sich einige Bewegung zu verschaffen, wobei er Verse von Heinrich Kleist leise oder laut rezitierte, eine Übung, die ihm neuen Mut einhauchte. Ein sehr edler, aber vielleicht allzu bürgerlich denkender Mensch hatte dem Poeten ernste Vorwürfe gemacht. Was hatte der Poet da erwidern sollen? Ein Poet erregt eben mit seiner seltsamen Lebensweise mitunter starke Bedenken. Die Achsel hatte er gezuckt, und er hatte es für das Richtigste gefunden, zu schweigen. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben. Jetzt saß er da und dachte darüber nach, welche neue Zier und Schönheit er über seine Prosa gießen könnte. Seine Prosa lag ihm am Herzen wie dem gewissenhaften Gelehrten die wissenschaftliche Untersuchung, oder wie dem Geschäftsmann das Geschäft oder wie dem Handwerker das Handwerk. Schon in manchem andern stillen kleinen engen Zimmer hatte der Poet geschrieben und gedichtet, genau wie er es jetzt hier wieder tat. Es klopfte. [...]
April 1917 in “Kunst und Künstler”
In einer kahlen Kammer, Dachstube oder Mansarde saß an einem Möbel, das den schönen Namen Schreibtisch durchaus nicht verdiente, der junge Poet. Er dichtete und träumte. Dichten, Phantasieren und Träumen ist ein Geschäft, bei dem zeitweise ungemein wenig Gewinn herausschaut, der Poet wusste das. Er wusste, dass sein Unternehmen keineswegs einträglich sei. Er war sich der Kühnheit und Waghalsigkeit seiner Lage vollkommen bewusst. Rechte Poeten sind stets gescheite Menschen, die ganz genau wissen, dass sie Tapferkeit nötig haben, um den Mangel an Achtung zu ertragen, welchem sie sich dadurch aussetzen, dass sie das sind, was sie sind, nämlich Poeten. Er, der hier in der Dachkammer saß, war sozusagen in einem Brüten über sich selbst begriffen. Zu diesem Sieden und Brüten eines gedankenvollen Kopfes kam noch das Brüten, Sieden und Braten, das Sengen und Kochen der sommerlichen Hitze. Es herrschte in der Kammer eine bedenkliche, beträchtliche Schwüle und Wärme. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier mit einem angefangenen Stück Prosa. Von Zeit zu Zeit spazierte der Poet in seinem Kerker oder Bleikammer auf und ab, um sich einige Bewegung zu verschaffen, wobei er Verse von Heinrich Kleist leise oder laut rezitierte, eine Übung, die ihm neuen Mut einhauchte. Ein sehr edler, aber vielleicht allzu bürgerlich denkender Mensch hatte dem Poeten ernste Vorwürfe gemacht. Was hatte der Poet da erwidern sollen? Ein Poet erregt eben mit seiner seltsamen Lebensweise mitunter starke Bedenken. Die Achsel hatte er gezuckt, und er hatte es für das Richtigste gefunden, zu schweigen. Es war ihm nichts anderes übrig geblieben. Jetzt saß er da und dachte darüber nach, welche neue Zier und Schönheit er über seine Prosa gießen könnte. Seine Prosa lag ihm am Herzen wie dem gewissenhaften Gelehrten die wissenschaftliche Untersuchung, oder wie dem Geschäftsmann das Geschäft oder wie dem Handwerker das Handwerk. Schon in manchem andern stillen kleinen engen Zimmer hatte der Poet geschrieben und gedichtet, genau wie er es jetzt hier wieder tat. Es klopfte. [...]
April 1917 in “Kunst und Künstler”