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Ukraine  Eine Reise durch die Ukraine in 113 Gedichten  Ukraine

Meerespanorama

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Ein U-Boot, wie ein
in den falschen Körper
geborener Wal, 
von dem man monatelang,
vielleicht auch Jahre,
nur dessen Periskop 
durch die Wellen stechen sah,
taucht nach gründlichsten 
Ausleuchtungen
   Messungen
      Sondierungen
plötzlich am Strand auf;
Luft und See scheinen rein,
der Boden bereitet.
Der Kapitän schiebt die Sonnenbrille 
auf seine Stirn und die Mütze 
ein wenig zurück,
dann steigt er aus
seinem Wassermaulwurf
majestätischen Schrittes 
ganz gemächlich aus.
Fest rammt er 
mit beiden beringten Händen 
ein an einem eisernen Stab
befestigtes Hoheitszeichen 
in den hellen Sand,
und er legt sich 
in Glück und Triumph nieder,
sich zu sonnen 
und riesig sich fühlend.

Ein paar hundert Meter entfernt aber
hängt ein lecker Einmaster 
schon seit geraumen
Ewigkeiten manövrierunfähig 
und prekär auf einem Riff,
irgendwann wird er doch untergehen;
ein beschwipster Seemann 
umkreist dort das Deck
und streicht die lange Reling 
mit einem Haarpinsel dünn-golden,
und ein General ohne Uniform 
kommandiert barbusig und -häuptig
seine willigen Beiboote weiterhin
zu gewagten Einsätzen:
Sie sollen im dienstbar sein
und auch bleiben.

Weiter draußen fährt 
ein weißer Dampfer
von links nach rechts
und zurück
von links nach rechts
unter falscher Flagge
den Horizont wie auf einer
Patrouillenfahrt ab.

Passt auf!
Morgen wird es 
schon wieder ein anderer 
Stofffetzen sein,
den es alle täuschend
am Heck zeigt.

Ein blauer Ozeanriese treibt steuerlos,
seine Fracht fahrig ins Meer streuend;
die robusten Kompasse haben sie zertrümmert,
die präzise gezeichneten Seekarten verbrannt,
das Navigationssystem ist vollends unbrauchbar,
doch die Mannschaft veranstaltet brüllend
Rettungsringweitwurfwettbewerbe.

In unmittelbarer Nachbarschaft 
schleicht ganz ohne Passagiere,
ein kilometerhohes Kreuzfahrtschiff,
über die magere Wellen,
die eifrigen Köche darin 
tafeln trotzdem
die feinsten Gerichte
ungebremst und 
rund um die Uhr auf.

Hummer, Sekt und Kaviar!

Bleigrau und stürmisch
verlässt ein Kreuzer die Sichtgrenze
auf seiner Strafexpedition.
Später liest man in Zeitungen
von durch ihn herbeigeführten
Erschütterungen
   Einschlägen,
      Explosionen.

Eine verirrte Schaluppe hat derweil
die schwarze Fahne gehisst,
von der bleich
ein Totenkopf grinst,
doch fehlt ihm ein Knochen;
ein sonnenstichiger Greis
steht darauf wankend an Bord
und schmeißt seine 
gesammelten Werke,
die nie ein Verlag druckte,
blattweise in das sie gierig
verschlingende Nass.

Jahre noch
wird er so
beschäftigt sein,
wenn kein Sturm
ihn umwirft.

Die Küstenwache an Land
ist über Wochen in heiße
Tarifverhandlungen vertieft,
und diskutiert begeistert
die Vorziehung des Rentenalters
für alle Beschäftigten.

Ein einsames Segelboot,
das sich ungebunden und frei
auf dem Wasser bewegt,
und eigentlich längst
in andere Regionen 
hat ziehen wollen,
wird von einem lachenden
Tümmler umspielt;
für ihre Art viel zu schön singend 
kreuzt einmal 
eine Graukopfmöwe
der beiden Wege.

Ein freudiger Augenblick.
So flüchtig.

Schon vergangen

Bunt gekleidete Surfer,
athletisch und jung,
blond und gebräunt,
reiten einzelkämpfend, 
einander verbissen überholend
in ihren werbebedruckten
Neoprenhäuten
von der Kraft
des Windes getragen
durch die Bucht,
fallen ins Wasser,
stehen auf und 
reiten wieder
gegeneinander:

Wer von ihnen wird wohl
am Abend der Abende 
die begehrte Trophäe
erhalten und 
vom nach immer neuen
Sensationen gierenden Publikum
für einige Momente
geliebt werden?

Ich ziere mich,
zu antworten;
und trotzdem hängt es
mit dieser Frage
an meinen Lippen.
Ich ziere mich,
jene so feinen, fragilen 
Illusionen, die es
unbekümmert hegt,
zu zerstören,
und muss doch verraten,
was ich schon 
seit langem weiß:

Niemand wird je
etwas gewinnen,
aber sorget euch nicht:

Alles läuft ja
noch ein ganzes Stück
so weiter –
bis nichts mehr
überhaupt nichts mehr
läuft.

Darum also
sorget euch nicht.


© 2025 by Arne-Wigand Baganz

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