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Die Seereise

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Über den Blutmond am Himmel,
der kupfern leuchtet 
wie eine antike Münze
im Scheinwerferlicht
forschenden Interesses,
schiebt sich allmählich
dichtes Gewölk,
das an den Rändern zerfasert.
Auch im Wasser,
wo der Mond zuvor gebrochen
in den Wellen aufschimmerte,
erlischt er jetzt.

Erlischt.
Er. 
Jetzt.

Das pechbestrichene Schiff aber,
das die Wellen unbeugsam durchkreuzt,
treibt weiter im Dunkeln.

Im Dunkeln.

Auf dem Deck,
auf den blanken,
allmorgendlich gebohnert
werdenden Planken,
haben sich um 
den steiflich stehenden Seemann
seine treuen,
treuesten Wölfe versammelt.
Wo las er sie einst auf?
Und waren es auch 
einmal Matrosen –
wie er?
Nur dieses steht fest:
In seinem vieles
abweisenden Wachsmantel,
das Steuer hält er stramm
in hageren Händen,
steht er dort,
steht er wirklich dort.
Und Wölfe:
Das sind sie alle!

Das Rudel knurrt 
wie auf wortlose, 
geheime Verabredung 
animalisch-verzerrte Lieder.
Hungerkantaten.
Mordlustsonaten.
Machtsymphonien.
Es faucht, gurgelt, heult
unablässlich
die Wellen, das Meer an.

Der inzwischen verborgene 
Mond ängstigt sich
ob dieser misslichen Töne
hinter den Wolken,
die er giftgelb 
doch sichtlich gedämpft
beleuchtet,
dann verschwindet er
ganz.

Ganz!

Jenseits des nun 
tiefsten Schwarz
der Nacht, 
jenseits vieler Horizonte,
verführen weiterhin 
endlose Paradiese
grell im auf sie fixierten Geiste,
sich ihnen zu nähern,
sie zu erreichen.

Oh, wonnigliche Gelüste!

Dort irgendwo
an einem weißen Sandstrand
räkelt sich doch hold Ariadne –
lockend, ihre Locken 
sanft liebkosend,
und ihren bronzenen Körper
übergießt sie langsam,
so langsam
mit lauwarmer Kokosmilch,
während zwischen ihren Beinen
mit einem Mal
ein straußenei-großer Diamant
funkelt …

Das Meer jedoch
reißt jäh auf
und eine Welle 
schießt ungebändigt 
in den Himmel,
ihre herabstürzende Gischt 
löscht das anmutige Bild,
und der Seemann zieht scharf,
an einer glimmende Pfeife,
etwas schmerzt ihn,
als hätte ihn eben
ein Hammer getroffen:
Wo ist sie hin,
die schöne Vorstellung?

Nicht lange aber
fragt und befragt er sich,
denn Fragen sperren bloß
den Weg zum reizenden Ziel!
Vorwärts, auf zu neuen,
noch gewagteren Taten!
Also ruft er und
peitscht die immer
schweißnassen Matrosen
hoch in die Segelmasten,
Wind zu ernten
noch mehr Wind ernten,
allen, allen Wind zu ernten
und in Geschwindigkeit,
Erlösung bringende Geschwindigkeit,
zu verwandeln.

Vorwärts!
Voran, voran!

So rast das Schiff
seit ungezählten Zeiten
schon durch die Meere,
zu neuen Ländern 
voller Silber und Gold,
die nie nie nie 
erscheinen …

Was aber macht’s?
Was macht’s?
Was?
?

Der unerbittlich suchende Seemann 
lässt nicht ab.
Adrett gekämmt, gescheitelt 
und mit reichlich Pomade 
gegen Verwirrung stiftende
Brisen gestärkt,
liegt das Haar
auf seinem hitzig-überhitzten Kopf –
wie das eines braven Schuljungen,
der jeden Morgen 
selbstverliebt in den Spiegel schaut,
bis die Zeit endlich
ihn zum Aufbruch drängt.
Seine Augen dämmern
matt leuchtend
in schattigen,
künftig noch schattigeren Höhlen.
Ledrig-glänzend und dünn ist die Haut
seines Gesichts,
so fest gespannt wie die Straße 
zwischen den Enden einer Brücke,
die von Nirgendwo nach Nirgendwo führt.

Als der Mond, der blutige Mond,
neuen Mut schöpfend,
wieder hinter den Wolken hervorkommt,
zeigt der lebende Kopf des Seemanns
sein knöchernes Gerüst,
zeigt er sich,
Schauer erregend,
als bald werdender 
Totenschädel!


© 2026 by Arne-Wigand Baganz

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